Vor 85 Jahren: SPD Lehnitz gegründet (MAZ)

Der Beginn der 1930er Jahre war geprägt vom sozialen Elend, in das die Weltwirtschaftkrise viele Menschen gestoßen hatte. Die erste parlamentarische Demokratie der Deutschen besaß zahlreiche Gegner. Politische Auseinandersetzungen fanden nicht selten mit Gewalt auf der Straße statt. In dieser bewegten Zeit trafen sich am 2. Juni 1930 zehn Anhänger der SPD im Lehnitzer Restaurant Waldschloss in der Dianastraße (die Gaststätte wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört) zur Gründung einer Ortsgruppe. Um 20.30 Uhr eröffnete ein Parteisekretär aus Berlin die Versammlung. Für die künftigen Mitglieder und Mitgliederinnen referierte er über Richtlinien und Ziele der SPD. Im Ergebnis der sich anschließenden Wahlen wurden Alfred Goldschmidt zum 1. Vorsitzenden und Emil ­Goetze zum Stellvertreter gewählt. Über die Motive der wenigen Anwesenden, sich der Sozialdemokratie anzuschließen und kommunalpolitische Arbeit zu leisten, kann man nur spekulieren. Der Eintritt in die SPD stellte zugleich ein öffentliches Bekenntnis zur parlamentarischen Demokratie dar.

Sicherlich spielten auch die Aktivitäten der NSDAP im Ort eine Rolle, der man nicht widerstandslos das Feld überlassen wollte. Bereits 1929 hatte sich eine Ortsgruppe der NSDAP gebildet. Hans Hinkel, einem ihrer wortgewaltigsten Mitglieder, war es gelungen, sich zum Vorsitzenden des überparteilichen Lehnitzer Ortsvereins wählen zu lassen. Der Ortsverein besaß bis 1933 großen Einfluss im Gemeindeparlament. Nur wenige Tage nach der Gründung der SPD-Gruppe hielt jener Vorsitzende in einer Veranstaltung eine Rede: „SPD – die Partei des Arbeiterverrates.“ Bei den Landtagswahlen im November 1929 hatte die NSDAP in Lehnitz die meisten Stimmen erhalten. Die Bedingungen für eine sozialdemokratische Einflussnahme und Kommunalpolitik waren für die junge Ortsgruppe also nicht einfach. Mit ihrem Vorsitzenden Goldschmidt besaß sie jedoch einen erfahrenen Kommu­nalpolitiker, der schon einige ­Jahre im Gemeindeparlament wirkte.

Erst im Februar 1931 trat die Ortsgruppe im Restaurant Lehnitz-See am Gutsplatz (heute das griechische Restaurant) mit einer öffentlichen Versammlung vor die Lehnitzer Bevölkerung. In diesen Monaten der politischen Auseinandersetzungen und Polarisierung fanden politische Veranstaltungen einen großen Zulauf. Bereits vor Beginn musste die Versammlung wegen Überfüllung polizeilich gesperrt werden. Auch eine Gruppe Nationalsozialisten gehörte zu den Anwesenden, die sich lautstark mit dem Thema des Referats, NSDAP – die Maske runter, auseinandersetzten. Goldschmidt schloss die Zusammenkunft mit einem dreifachen Hoch auf die SPD. Der Ortsgruppe sollten nur knapp zwei Jahre verbleiben, um Kommunalpolitik zu praktizieren und als Sozialdemokraten aufzutreten.

An wichtigen Gedenktagen jener Zeit, wie dem Volkstrauertag am 1. März 1931, sprach daher auch der Sozialdemokrat Erich Werst anlässlich der offiziellen Kranzniederlegung vor dem Kriegerdenkmal im Ort. Werst gehörte zugleich der Lehnitzer Gruppe des republikanischen Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold an. Doch die nationalistische Propaganda und soziale Demagogie der Nationalsozialisten blieb bei den Lehnitzern nicht ohne Einfluss. Dagegen wollten die Lehnitzer Sozialdemokraten in ihren ­öffentlichen Versammlungen antreten. Ein Berliner Polizeimajor referierte im September 1931 über das Thema „Die Republik – und ihre Feinde“. Auch für Lehnitzer Bürger verschärfte sich die soziale Situation Anfang 1932. Von den ca. 600 Einwohnern erhielten 30 Arbeitslosenunterstützung, sechs eine so genannte Krisenfürsorge. Mehrheitlich lebten die Lehnitzer jedoch nicht in einer sozialen Notlage. Im Vorfeld der Reichspräsidentenwahlen, April 1932, gab es im Restaurant Lehnitz-See eine Wahlveranstaltung, die der frühere sozialdemokratische Reichsarbeitsminister Rudolf Wissell (1869 bis 1962) mit einer Rede einleitete. Diese und noch weitere Bemühungen der SPD-Gruppe konnten den Wahltrend in Lehnitz nicht umkehren: Seit 1929 bekam die NSDAP hier die meisten Stimmen; so auch im Wahljahr 1932. Am 18. Januar 1933, nur wenige Tage vor der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, wählten die SPD-Mitglieder in der Gaststätte Seebad Lehnitz (heute Friedrich-Wolf-Straße 54) einen neuen Vorstand. Karl Wilhelm wurde Vorsitzender, Martin Teller sein Stellvertreter. Elf Lehnitzer Sozialdemokraten ließen sich in der letzten öffentlich stattfindenden Versammlung (ebenfalls im Seebad Lehnitz am 16. Februar) für die Gemeindevertretung auf die Kandidatenliste ihrer Partei setzen. An erster Stelle Alfred Goldschmidt, es folgten Otto Cunjahn und Erich Werst. Dafür bedurfte es zu diesem Zeitpunkt schon erheblicher ­Zivilcourage.

In den Wochen vor den Reichs- und Landtagswahlen am 5. März führten die NSDAP und ihre Hilfsorganisationen, insbesondere die SA, einen Wahlkampf, bestehend aus Gewalt, Einschüchterung und Demagogie. So meldete der Briesetal-Bote das Verbot einer SPD-Wahlkundgebung durch den Landrat (26. Februar) und eine Hausdurchsuchung, bei dem in Lehnitz am Gutsplatz wohnenden niederländischen Schriftsteller und Journalisten Nico Rost. Hier wollte man „mehrere Zentner“ kommunistische Flugblätter gefunden haben. Zum Terror kam nationalistische Demagogie. Vor dem Wahltag veranstaltete die NSDAP eine Kundgebung am Kriegerdenkmal in Lehnitz. Hier, an dieser für die Lehnitzer jener Zeit wichtigen Erinnerungsstätte, inszenierten die Nazis eine „Heldengedächtnisfeier“, in die sie auch gleich die Toten ihrer Bewegung nach 1919 einbezogen. Anschließend traf man sich zum Hören einer „Führerrede“ im Café Hildebrandt in der Florastraße, dem Versammlungslokal der NSDAP, das in makabrer Weise auch Wahllokal für die am nächsten Tag stattfindenden Wahlen war. Die NSDAP konnte ihren Stimmenanteil gegenüber den Wahlen im Vorjahr weiter ausbauen. Am darauffolgenden Sonntag, dem Volkstrauertag, fanden die Kommunalwahlen statt. Wieder missbrauchten die Nazis das Kriegerdenkmal für ihren Wahlkampf. Nach der offiziellen Kranzniederlegung stand am Denkmal eine NSDAP-Wache den ganzen Tag. Zusätzlich erhellten zwei Leuchtfeuer den Platz in den Abendstunden. Die Wahlen brachten zwar einen erheblichen Stimmenzuwachs für die NSDAP, jedoch war sie auf die Zusammenarbeit mit einer der beiden Listenverbindungen angewiesen. Für die SPD konnte nur Alfred Goldschmidt in das Gemeindeparlament ziehen, das bald diesen Namen nicht mehr verdienen sollte. Bis zur Konstituierung der Volksvertretungen setzte die NSDAP nun wieder auf staatlich sanktionierten Terror. Sozialdemokraten, Kommunisten und andere Gegner wurden verhaftet und in die entstehenden Konzentrationslager verschleppt. Ein Kommando der Landjägerei und Hilfspolizeibeamte (zumeist SA-Angehörige) wirkten auch in Lehnitz. Die Verhafteten, darunter zwei Sozialdemokraten, wurden in das Konzentrationslager Oranienburg eingeliefert. Von ihnen ist bis heute nur der Sozialdemokrat Martin Teller namentlich bekannt. Den zunehmend propagandistisch gefärbten Berichten des Briesetal-Boten kann man entnehmen, dass die ersten Gemeindevertretersitzungen mehr NSDAP-Veranstaltungen ähnelten. Alfred Goldschmidt blieb den ersten Sitzungen fern. Als er am 7.Mai zur ersten Arbeitssitzung erschien, hatte sich das Kräfteverhältnis auch im Lehnitzer Ortsparlament grundlegend verändert. Zu den drei Vertretern der NSDAP-Fraktion gesellten sich noch zwei Abgeordnete einer Listenverbindung. Damit besaß die NSDAP mit fünf Stimmen auch rechnerisch die Mehrheit im neunköpfigen Gemeindeparlament. Alfred Goldschmidt musste die Auflösung der SPD-Ortsgruppe bekanntgeben. Als Interessenvertreter der Bürger wolle er jedoch weiter in der Gemeindevertretung wirken, schickte er hinterher. Dass Goldschmidt seinen Mut noch nicht verlorenhatte, bewies er noch am selben Abend. Als einziger Abgeordneter stimmte Goldschmidt gegen den Kauf eines Hitlerbildes mit der Begründung: 

„Die Anbringung des Hitlerbildes entspricht nicht jedermanns Meinung; ferner weiß man auch nicht, wie lange die jetzige Regierung im Amt bleibt!“

Mit dem gesetzmäßig verordneten SPD-Verbot im Juni 1933 schlossen die Lehnitzer Abgeordneten Alfred Goldschmidt aus dem Gemeindeparlament aus. Nach fast drei Jahren waren damit sozialdemokratische und demokratische Geschichte in Lehnitz dauerhaft beendet. 1935 meldete ein Bericht des emigrierten sozialdemokratischen Parteivorstandes in Prag (SOPADE): „Anfang April wird der frühere Sozialdemokrat und Reichsbannerführer Werst, Lehnitz bei Oranienburg, durch Kopfschuss getötet.“ Bodo Becker

Unterschrift am Küchentisch SPD Oranienburg besteht heute 20 Jahre (MAZ)

Ristau

ORANIENBURG – Eine andere Partei kam für Liselotte Ristau nie in Frage: „Ich hab das Programm gelesen und gesagt, das ist es“, erinnert sich die Oranienburgerin. Und auch daran, dass nach der Gründung der SDP in Schwante die ersten Mitglieder in Oranienburg bei ihr „am Küchentisch“ eintraten.

Heute vor 20 Jahren gründete sich offiziell der Ortsverband Oranienburg der SDP, heute SPD. Wenige Tage zuvor hatten Klaus Wendland und Kurt Vetter in der damaligen „Märkischen Volksstimme“ dazu aufgerufen, dass diejenigen „die soziale Ideale haben, an der Gründungsveranstaltung teilnehmen“ sollten. Bei Eisbein-Otto waren es dann am 16. Dezember 1989 insgesamt 23 Frauen und Männer, die den Ortsverband aus der Taufe hoben. Unterschrieben ist die Gründungsurkunde von Gerd Feierbach und Wolfgang Schäfer als erstem und zweitem Sprecher sowie Liselotte Ristau als Kassenwart. „Wir fühlen uns den ökologischen, sozialen und demokratischen Grundsätzen verpflichtet, wie sie auch im Statut … der SDP in Schwante … niedergelegt sind. Bei unserer Arbeit sind wir der gesamten SDP in der DDR verbunden“, steht in der Gründungsurkunde zu lesen. Die hütet seit etwa zehn Jahren Dirk Blettermann wie seinen Augapfel. 1991 aus Berlin nach Oranienburg gekommen, wurde er 1994 Ortsvorsitzender. Mittlerweile ist er seit acht Jahren SPD-Fraktionschef, jetzt zusammen mit den Grünen, in der Stadtverordnetenversammlung. Heute Abend ab 18.30 Uhr treffen sich die Sozialdemokraten zur Feierstunde. Natürlich bei „Eisbein-Otto“. 15 der Gründungsmitglieder werden dort geehrt. Nur die Hälfte von ihnen ist heute noch in der SPD. Insgesamt zählt die Ortsgruppe derzeit rund 100 Mitglieder. Liselotte Ristau macht bis heute Kommunalpolitik. Mit einer Unterbrechung von fünf Jahren ist sie Mitglied der Fraktion im Stadtparlament. Für „ihre“ SPD auf Bundesebene wünscht sie sich, „dass sie wieder zu einer sozialdemokratischen Politik zurückfindet. Wieder Partei des kleines Mannes ist.“ Keinerlei Verständnis hat sie für die rot-rote Regierung in Potsdam. Da habe sie erstmals über Austritt nachgedacht. Und sich’s dann doch überlegt: „Hinschmeißen ist leicht. Zu helfen, es besser zu machen, ist besser“, findet sie (. hb)